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Thema: Satzzeichengebrüll und Bedeutungshuberei


Überall herrscht Inflation: Die Fed und die EZB drucken Geld als gäbe es kein morgen, der größte anzunehmende Unfall ist fast immer ein Super-GAU, ohne die Vorsilbe »mega« braucht man gar nicht mehr auf Zuhörer zu hoffen und Ausrufezeichen kommen fast nur noch in Rudeln vor. Und so leide ich inzwischen unter heftigen körperlichen Reaktionen, wenn ich E-Mails mit multiplen Satzzeichen bekomme: Meine Magengegend zieht sich zusammen, mein Atem wird heiß und meine Hände schwitzig. Höchste Zeit, das therapeutisch zu untersuchen.

Ursprünglich ward das Ausrufezeichen einmal gedacht für Ausrufe, Befehle, Aufforderungen und Warnungen. Die meisten Ausrufezeichen stehen heute jedoch hinter stinknormalen Sätzen. Vielleicht will uns der Autor sagen: »Spätestens wenn du das Ausrufezeichen erkannt hast, verstehst du, das war wichtig, was ich dir mitgeteilt habe.« Ein Bedürfnis des Autors könnte also sein, gehört und verstanden zu werden. Aber er will wahrscheinlich nicht nur verstanden werden, sondern den Leser auch erreichen — und vielleicht eine Änderung in dessen Denken oder Handeln hervorrufen, also etwas bewegen. Herrliche Bedürfnisse, mit denen ich mich wunderbar verbinden kann. Ich fürchte jedoch, dass das Erreichen, Beeinflussen und Verbinden mit dem Ausrufezeichen eher unwahrscheinlicher wird als wahrscheinlicher. Wer bekommt schon gerne Anweisungen? In diesem Falle dazu, wie er den Text zu werten hat. Ich zumindest wünsche mir mehr Respekt vor meiner Autonomie.
Vielleicht steht hinter dem Ausrufezeichen auch eine gewisse Unsicherheit? Es soll zusätzlich überzeugen, weil die Aussage mit Punkt allein für zu schwach gehalten wird. Es könnte sein, dass der Autor der eigenen Darstellung und der Intelligenz des Adressaten misstraut. Ein weiteres Bedürfnis des Autors könnte das nach Bequemlichkeit und Effizienz sein. Einen Satz zu schreiben, der wirkt, braucht Zeit. Wolf Schneider sagt: »Einer muss sich immer quälen, entweder der Schreiber oder der Leser.« Ein Ausrufezeichen schreibt sich schnell, auch deren fünfe bedeuten mit Tastenwiederholung nur wenig mehr Kalorien-Investition.
Kommunikation auf Augenhöhe ist mir wichtig. Und wer als Ausrufezeichen-Verwender noch nicht recht verstehen kann, was mich da reitet, der frage sich einmal, ob er seinem Chef eine E-Mail schreiben würde mit Sätzen wie:
Was soll das denn???? Das geht so nicht!!!!
Und selbst wenn der Leser kein Herabschauen darin sieht, frage ich mich, ob Beteuerung nicht grundsätzlich schwächt? Als es nur Zeitungen, Zeitschriften und Bücher gab, kamen die meisten Texte von Profis. Im Internet kann jeder schreiben. Und wer sich nicht intensiv mit dem Thema befasst, der hat sich über solche Dinge noch nie Gedanken gemacht.

In diesem Zusammenhang passen auch die Auslassungspunkte. Tucholsky nennt sie »Mitteilungsstreik«. Der Autor will andeuten, er verschweigt etwas Bedeutungsschweres und der Lesende soll es nur ahnen. Dahinter könnte auch das Bedürfnis nach Effizienz stehen: Den Leser durch Darstellung zu beeindrucken, macht mehr Arbeit. Tragischerweise wird der Pünktchensetzer sein Bedürfnis aber wahrscheinlich nicht befriedigen. Die erschreckende Wahrheit lautet: Was man an Arbeit vorne nicht hineinsteckt, kann an Wirkung hinten nicht heraus herauskommen.


Zuletzt bearbeitet: 07.03.11 07:04 von Administrator
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Mmhhh, sehr interessant.

„Satzzeichengebrüll soll fehlende Darstellung ersetzen.

Ist das bei elektronischer Kommunikation nicht hilfreich? Emails und Internet Foren leben von schneller, spontaner Kommunikation. Wenn ich mit Hilfe eines Satzzeichens einem kurzen, zweideutigen Satz die richtige Aussage geben kann, dann hilft das der schnellen Verständigung.

Bei einem persönlichen Gespräch spielt die Gestik eine große Rolle. Ich glaube, Satzzeichen ersetzen innerhalb von „E-Gesprächen“ diese Gestik.

Es leben die Satzzeichen!!!

suxi




@ Oliver u. Suxi

Ihr müsst mal meinen Sohn (14) Onlinespielen und chatten sehen.
Nur noch Kürzel in englisch und Satzzeichen.
Verstehe nur noch nach einer Erlärung was dort abgeht.
Ich glaube wir müssen umdenken, seufzt.....:-(



Das stützt meine Gestik bzw. Gebärden These.

Unter Jugendliche entwickelt sich zum Beispiel auch eine komplett neue Gebärdensprache. Diese Gebärden werden im Internet durch Satzzeichen, Grafiken etc. ersetzt und erfüllen daher eine wichtige Rolle.

Ich glaube wirklich, dass man die E-Kommunikation nicht mit klassischen literarischen Maßstäben messen darf.

Oliver, diese Ebene erreichst du aber auch noch, keine Sorge :-) Vielleicht gibt es auch parallele Ebenen, zwischen denen man wechseln kann?

suxi




@OH

es gibt ein wunderschönes Zitat von Herrn Goethe, das zu diesem Thema passt:„Ich weiß, Du glaubst, dass Du verstehst, was ich Deiner Meinung nach sage, aber, ich bin mir nicht sicher, ob Du merkst, dass ich nicht meine, was Du hörst.“

Da man in einem Forum (noch) nicht hören kann, sondern nur liest, finde ich, dass alles, was zur besseren Verständlichkeit beiträgt, auch erlaubt sein sollte.Es lebe das Ausrufezeichen!

Gruß aus Hamburg



Hallo Bernd und Suxi!

Ich gebe euch in einem Falle Recht: Das Ironiezeichen ist eine Bereicherung. Es drückt etwas aus, was anders oft nur schwer zu vermitteln ist, denn Ironie wird viel seltener erkannt als verwandt.

Das Argument der Schnelligkeit sticht ebenso wenig wie bei der Rechtschreibung. Meist spart nur der Schreiber Zeit. Was sagen denn drei Punkte? Nichts.

Ich sehe Spontaneität nicht als Besonderheit der Internetforen. Beim Chat, Telefongespräch und in der Unterhaltung ist das die Besonderheit. Der Vorteil des Forums besteht darin, dass man erstmal nachdenken kann, bevor man sich zu Wort meldet. Diesen Vorteil sollten wir nicht leichfertig verwerfen.

Das Beispiel von Bernds Sohn zeigt: Satzzeichenkommunikation schließt Leser aus. Es bedarf erst der Erklärung. Mimik und Gestik bedürfen keiner Erklärung. Wenn jemand böse dreinschaut oder fröhlich, dann erkennen das sogar Babys.

>Ich glaube wir müssen umdenken, seufzt.....:-(

Wir müssen gar nichts, Bernd. In Anlehnung an Wolf Schneider:
»Wer die Spielregeln der Grammatik, der Orthografie, der Interpunktion oder der Typografie mutwillig bricht und damit seine Leser ärgert öder irritiert, sollte zumindest einen Vorteil in Form einer Bereicherung ins Feld führen können. Wo nichts dergleichen erkennbar ist, sollten wir dem Regelbrecher entgegentreten, statt uns hinter der Floskel ›Die Sprache entwickelt sich eben‹ zu verstecken.«

Also, ich nehme neben dem Ironiezeichen weitere Vorschläge entgegen, deren Bereicherung wir dann diskutieren können. Am besten wären konkrete Beispiele aus diesem Forum. Wenn wir beispielsweise Bernds Zeichensprache nehmen:

>Ich glaube wir müssen umdenken, seufzt.....:-(

Was sagen die fünf Punkte und was sagt das traurige Gesicht? Die Punkte sagen mir nichts und das traurige Gesicht sagt, dass Bernd es bedauert, umdenken zu müssen. Bedurfte es dazu der Zeichensprache? Was gäbe es auszusetzen an dem Satz: »Ich befürchte, wir müssen umdenken«?

Das wären 34 Zeichen statt 46, also eine Ersparnis von über einem Viertel. Das zeigt: Die Sprache erlaubt eine sehr effektive Nutzung — wenn man übt. Aber genau das verlernt man, wenn man sich auf die Zeichensprache verlässt.

Eine vermehrte Verwendung der Zeichensprache hatten wir doch schon mal. Das war die Zeit als wir in Höhlen lebten und uns die Nahrung noch mit der Keule beschaffen mussten. Eine Entwicklung, also eine Veränderung vom einfachen Formen zu komplexeren kann ich da nicht erkennen.

Liebe Grüße
Oliver

PS: Suxi, hast du in Falkenstein vielleicht nur in Gebärdensprache mit der Sekretärin kommuniziert?

Nachtrag als Antwort auf Hans:
>Da man in einem Forum (noch) nicht hören kann, sondern nur liest, finde ich, dass alles, was zur besseren Verständlichkeit beiträgt, auch erlaubt sein sollte.

Da stimme ich zu. Nur sollten wir auch prüfen, was wirklich zur besseren Verständigung beiträgt. Dazu rufe ich auf.



Haben wir denn den Menschen in der Steinzeit etwas voraus? Sind wir Menschen heute glücklicher? Geht es unserem Planeten und den meisten seiner Bewohner heute besser (inkl. der Pflanzen und Tiere)?

Vielleicht steht uns die Sprache nur im Weg und wir müssen noch begreifen, dass wir uns zur Rettung der Erde und der Menschheit wieder zurückentwickeln sollten?

Wer sagt denn, das die nächste erstrebenswerte Entwicklungsstufe eine „höhere“ ist?




Hallo Oliver,
ich kann Dir nicht zustimmen, was die Auslassungspunkte betrifft.

Ich habe gelernt, dass man Auslassungspunkte einsetzt, wenn an der Stelle eigentlich noch Text stehen sollte und genau so benutze ich die Auslassungspunkte auch.

Ich weiß nicht, woher Du die Ansicht hast, ein Autor wolle mit Auslassungspunkten andeuten, da käme noch etwas Bedeutungsschweres, das er nicht aufzuschreiben wage; ich jedenfalls benutze Auslassungspunkte, wenn ich ausdrücken möchte, dass mir die Worte fehlen oder, zum Beispiel in einer Geschichte, der Figur die Worte fehlen. Das was da fehlt, muss nicht zwangsläufig bedeutend sein, es zeigt einfach nur Sprachlosigkeit.

Auslassungspunkte sind ein Stilmittel wie alle anderen Satzzeichen auch, und werden erst zum Problem, wenn der Autor das Stilmittel zu häufig benutzt.

Gruß Susanne




omg! *fg*



*lol*

;-)

cu

Jigger



Ich habe da noch ein paar nette Sätze gefunden, die Olivers These unterstreichen.

"'Multiple exclamation marks,' he went on, shaking his head, 'are a
sure sign of a diseased mind.'"
Übersetzung: "Drei Ausrufezeichen", fuhr er fort und schüttelte den
Kopf. "Sicheres Zeichen für einen kranken Geist."
(Terry Pratchett in "Eric")

"Five exclamation marks, the sure sign of an insane mind."
Übersetzung: "Fünf Ausrufezeichen sicherer Hinweis auf geistige
Umnachtung."
(Terry Pratchett in "Reaper Man")


Gruß

Jigger



„Ich gebe euch in einem Falle Recht: Das Ironiezeichen ist eine Bereicherung. Es drückt etwas aus, was anders oft nur schwer zu vermitteln ist, denn Ironie wird viel seltener erkannt als verwandt.“

Warum diese Ausnahme? Nur weil wir nicht in der Lage sind, Ironie durch Worte auszudrücken, weil es schwer zu vermitteln ist? Sollten wir uns auf dem Weg zum Meister dann nicht ganz besonders daran üben?




suxi,

ich würde nicht so weit gehen, der Unfähigkeit Ironie auszudrücken, die alleinige Schuld zu geben. Offenbar gibt es in unserer Gesellschaft auch sehr viele Menschen, die unfähig sind, Ironie zu erkennen bzw. zu verstehen. Dies halte ich für das größere Übel.

Sokrates lehrte Ironie als Mittel zur Entlarvung vermeintlichen oder angemaßten Wissens, jedoch nicht mit dem Ziel des Lächerlichmachens. Der Dialogpartner wurde vielmehr durch das scheinbar selbstständige Auffinden eigener Widersprüchlichkeiten in die Lage gebracht, diese zu durchschauen.

Gruß

Jigger, der die Ironie liebt, diesen Beitrag jedoch ernst meint.



Susanne schrieb:
>Hallo Oliver,
ich kann Dir nicht zustimmen, was die Auslassungspunkte betrifft.

Ich habe gelernt, dass man Auslassungspunkte einsetzt, wenn an der Stelle eigentlich noch Text stehen sollte und genau so benutze ich die Auslassungspunkte auch.

Ich weiß nicht, woher Du die Ansicht hast, ein Autor wolle mit Auslassungspunkten andeuten, da käme noch etwas Bedeutungsschweres, das er nicht aufzuschreiben wage;


Susanne, ich habe jetzt eine Möglichkeit gefunden, im Forum nach Auslassungspunkten zu suchen und gebe dir ein paar Beispiele. Ich will hier niemanden angreifen. Vielleicht gibt es neben Trägheit, Ignoranz oder Minderwertigkeitsgefühlen auch eine ganz andere Erklärung für die Auslassungspunkte? Ich suche noch danach — in der Gesinnung eines neugierigen Forschers.
Wenn die Punkte so eingesetzt würden, wie du es gelernt hast, dann ergäbe das Sinn. Nach Wilbers »Allerdings …« ergibt es Sinn, denn jetzt kämen wieder ähnliche Bedenken wie schon bei den anderen Retro-Romantikern.
Aber in den folgenden Beispielen?

.........diese treuen Augen und dieser sinnliche Mund - da kann Frau echt schwach werden.

das ist kein Kalender sondern ein PC-Spiel...!

Dafür sind sie aber strahlend weiss...;-)

...nur sieht man die strahlend weißen Zähne nur selten, weil der Tiger zurzeit nicht viel Grund zum Lächeln hat. :-))

Baelle sind wie Konfetti auf einer Hochzeit ...

Mehr Entspannung gibt es nicht.....

54 auf 12,1 ist ja schon sehr, sehr gut...aber ich kenne einen jungen Mann, der hat sich letzte Saison von Ende Mai bis September auf 7,7 verbessert und steht nun bei 6,3 nach 2 gespielten Turnieren diese Saison und ich glaube, dass ist noch lange nicht das Ende...es gibt halt Menschen die können es und andere werden ewig von diesen Handicaps träumen.

Ich habe mich in diesem Jahr von 54 auf 24,8 verbessert ... und da ist noch ein bisschen Luft.

Glaube sogar, dass ein Forumnist der Auktionssieger 2003 war ... zumindest, soweit ich mich erinnere... *gg*

Da gibts TM-Hölzer Clones für 30€...ein Versuch könnte es ja wert sein.

Das ist wie Pitchmarken automatisch wegmachen, auch wenns nicht die eigenen sind...

Tjaja... manche könnens halt und andere eher nicht... So ist das Leben..

Ich habe sowas bisher nur bei Greenkeeper- bzw. Golfplatzausrüstern gesehen und die verkaufen die nur ab 300 Stck... ebay schweigt sich auch aus.

Wieder was dazugelernt ... die Bälle sollte man an jedem Wasserloch spielen .. da würden sich ganz neue Regelfragen ergeben .. um das Ganze wieder ein bisschen komplizierter zu machen ;-)

UUUPS, hab mir gerade den Link angesehen ... 3,90 Dollar für einen Ball ... das ist schon happig.

Respekt vor der Leistung von Alex .. auf den ersten Toursieg brauchen wir hoffentlich nicht mehr lange warten!!!

@Tfis
Danke auch für deinen Beitrag, Tfis. Ich bin jedoch nicht ganz sicher, was du sagen willst. Da geht es mir wie Bernd mit seinem 14-Jährigen.

FG heißt wohl Fog, wie ich hier sehe.
Und omg steht für Object Management Group
http://www.abkuerzung.ch/search.php?abk=OMG

fragend
Oliver



Zuletzt bearbeitet: 30.08.03 10:10 von Administrator


Suxi schrieb:
>Haben wir denn den Menschen in der Steinzeit etwas voraus? Sind wir Menschen heute glücklicher? Geht es unserem Planeten und den meisten seiner Bewohner heute besser (inkl. der Pflanzen und Tiere)?
Vielleicht steht uns die Sprache nur im Weg und wir müssen noch begreifen, dass wir uns zur Rettung der Erde und der Menschheit wieder zurückentwickeln sollten?
Wer sagt denn, das die nächste erstrebenswerte Entwicklungsstufe eine „höhere“ ist?


Suxi, dass du ein Retroromantiker bist, hätte ich nicht gedacht. Was ist ein Retro-Romantiker? Wilber erklärt es am besten, der liebt Retro-Romantiker:
Dieser Ansatz verwechselt meiner Meinung nach einfach Differenzierung und Dissoziation, Transzendenz und Verdrängung. Immer wenn die Evolution eine neue Differenzierung hervorbringt und diese Differenzierung in pathologische Dissoziation abgleitet, möchten die Retro-Romantiker die Uhren nicht nur anhalten, sondern für immer zurückstellen auf eine Zeit vor dieser Differenzierung. Es geht ihnen nicht darum, diese Stelle der Dissoziation zum Zweck einer Heilung noch einmal aufzusuchen; nein, sie wollen vor die Differenzierung zurück und dort bleiben.
Mag sein, daß man die neue Pathologie damit loswird, aber los wird man auch die neue Tiefe, die neue Kreativität, das neue Bewußtsein. Nach retroromantischer Logik ist Pathologisches nur dadurch zu heilen, daß man Differenzierung ganz abschafft, und das kann nur heißen, daß Evolution überhaupt, vom Urknall an, ein großer Fehler war.
Aber in der Regel kennen die Retroromantiker doch alle einen Punkt, bis zu dem nach ihrer Meinung noch alles in Ordnung war, und das Verblüffende an diesem Ansatz ist die Willkür, mit der hier jeder entscheidet, wo die Retrogression aufhören soll. Viele, die völlig zu Recht beunruhigt sind von den Verdrängungen und Entfremdungen des Maschinenzeitalters, sagen beispielsweise, wir hätten nie über die gute alte Landwirtschaft hinausgehen sollen — und dann folgt das Loblied jener wunderbaren »nichtmechanisierten« und »nicht entmenschlichenden« Ackerbaugesellschaften, in denen nur wenige Menschen von ihrer Arbeit und deren Früchten entfremdet wurden und die »Große Mutter« ein friedvolles und ganzheitliches Glück regierte. Was tut es schon, daß es in solchen Gesellschaften Menschenopfer gab, daß Kriege und die Mittel der Kriegsführung gewaltig zunahmen, daß sie die Polarisierung der Geschlechterrollen ins Extrem trieben und große Bevölkerungsanteile versklavten?
Andere, die vor solchen Ungereimtheiten nicht die Augen verschließen, gehen noch weiter und behaupten, die Probleme der Menschheit hätten eigentlich mit der Einführung der Landwirtschaft begonnen, denn da habe der Mensch angefangen, die Biosphäre unter dem Gesichtspunkt seines eigenen Nutzens zu verändern — er schuf eine Sprache, welche die Macht im dogmatischen Text festschrieb, erzeugte landwirtschaftliche Überschüsse, die einzelnen wirtschaftliche Macht (bis hin zur Versklavung) über andere gaben, und betrieb die endgültige Unterwerfung der Frauen. Und es trifft zu, daß dergleichen Dinge in der Tat mit der Einführung der Landwirtschaft begannen.
Deshalb sagen viele, die so argumentieren, wir hätten nie über die Zivilisationsstufe der Sammler und Jäger hinausgehen sollen. Und bei all den Herrlichkeiten und Köstlichkeiten, die solchen (teils einigermaßen, teils ganz und gar nicht friedfertigen und egalitären) Gesellschaften dann angedichtet werden, kann einem wirklich der Verstand stillstehen. Bis dann wieder andere im Detail nachweisen, daß sehr wenige dieser Gesellschaften egalitär waren, daß es kriegerische Auseinandersetzungen eindeutig gab, daß die Saat sexistischer Unterjochung eben hier ausgesät wurde, dar Sklaverei durchaus nicht völlig unbekannt war.
Also hätten wir eigentlich gar nicht über die Gorillas hinausgehen sollen, denn die schlachten wenigstens nicht ihresgleichen zu Opferzwecken, führen keine Kriege gegen Andersdenkende, kennen keine Sklaverei und keine Entfremdung von den Früchten ihrer Arbeit. Allerdings ...
Und so geht es weiter, denn irgendein Haar ist in jeder Suppe zu finden. Es ist immer faszinierend, diesen Romantikern beim Hantieren mit ihrer Retrozeitmaschine zuzusehen, wie sie Schicht um Schicht die Tiefe des Kosmos wegschaben auf der Suche nach einem Garten Eden, der in immer seichteres Dunkel entweicht.
Also, wohin möchtest du zurück, Suxi? Jäger und Sammler oder Gorillas? Oder noch weiter?

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