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Thema: Kein Golf: Erziehung


Hallo Oliver,

Ich hoffe meine Antwort kam jetzt nicht zu belehrend rüber. Ich habe nur versucht darzustellen, wie ich die Dinge handhabe, ohne jeglichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder einen missionarischen Hintergrund. Kam das so bei dir an?


ja, ist so rüber gekommen. Vielen Dank für deine ebenso ausführliche wie anschauliche Antwort.

Kennst du das, was ich die Freiwilligekeits-Präambel genannt habe?


nicht in diesen Worten aber es erinnert mich daran, was meine Eltern zu mir als Kind sagten: Es geht nicht darum, was du tust, wenn wir dabei sind, sondern um das, was du tust, wenn wir nicht dabei sind. Das Thema "Pflichtgefühl" sehe ich aber nicht negativ, siehe auch nächsten Punkt.

Für mich käme ein potenzieller WG-Mitbewohner überhaupt nur infrage, wenn er bereit wäre, ein faires Regelwerk zu unterschreiben, in dem jeder ungefähr das Gleiche beiträgt


Eine Familie ist für mich das genaue Gegenteil einer WG. Es geht nicht darum, dass jeder gleich viel leistet und nach Belieben die Vereinbarung auflöst, wenn sie für ihn unwirtschaftlich erscheint. Im Gegenteil: In einer Familie wie ich sie kenne, hält man auf Gedeih und Verderb ("unconditional") zusammen. Im Gegenzug fühlt sich jeder verpflichtet, seinen Beitrag - klein oder groß - zu leisten. Sozusagen eine freiwillige Pflicht. Soweit die Theorie.

Was ich mir in der Praxis halt gar nicht vorstellen kann, ist zu meinem Kind zu sagen: "Du würdest mein Leben bereichern, wenn du heute den Rasen mähen würdest".

Das wäre komplett unglaubwürdig, denn was ich eigentlich meine ist: "Heute ist Samstag, es gibt einigen Kram zu tun, worauf wir alle keine Lust haben, aber es hilft ja nix. Also: Du mähst Rasen, du machst jenes und ich mach dieses."

Jetzt wo ich länger drüber nachdenke, finde ich die Formulierung mit "Du würdest mein Leben bereichern, wenn du..." nicht nur stilistisch, sondern auch inhaltlich fragwürdig. Ist das nicht nur eine besonders subtile Form von Zuckerbrot und Peitsche? Ist da nicht unausgesprochen auch enthalten, dass ich von dir enttäuscht bin, wenn du es nicht tust?
Ich kann mich gut erinnern, dass ich als Kind besonders genervt von der Formulierung war "Du könntest mir einen Riesengefallen tun, wenn du...". Meine Reaktion war in der Regel: "Sag halt einfach, was du von mir willst".

Das kann ich dann tun oder auch nicht.

Da wären wir wieder beieinander...

Freiwillige Grüße,
Jürgen

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Was ich mir in der Praxis halt gar nicht vorstellen kann, ist zu meinem Kind zu sagen: "Du würdest mein Leben bereichern, wenn du heute den Rasen mähen würdest". Das wäre komplett unglaubwürdig, denn was ich eigentlich meine ist: "Heute ist Samstag, es gibt einigen Kram zu tun, worauf wir alle keine Lust haben, aber es hilft ja nix. Also: Du mähst Rasen, du machst jenes und ich mach dieses."

Wenn es so ist, dann solltest du diese Formulierung auch nicht verwenden, weil dann wäre es wie du sagst:

Ist das nicht nur eine besonders subtile Form von Zuckerbrot und Peitsche? Ist da nicht unausgesprochen auch enthalten, dass ich von dir enttäuscht bin, wenn du es nicht tust?

Mit dieser Haltung wäre die gewaltfreie Formulierung (du könntest mein Leben bereichern …) nicht authentisch. Da stimme ich dir zu. Und wenn man sie dann trotzdem verwendet, wird es in der Zukunft nur umso schwerer, echte Bitten (zu denen man auch nein sagen kann) zu äußern, weil der andere doch nur Forderungen hört.
Deshalb frage dich zuerst, ob du mit einem »nein« wirklich leben kannst. Wenn du das nicht kannst, dann »sag halt einfach, was du von dem anderen willst.«

Liebe Grüße
Oliver



Hallo Oliver,

Deshalb frage dich zuerst, ob du mit einem »nein« wirklich leben kannst. Wenn du das nicht kannst, dann »sag halt einfach, was du von dem anderen willst.«


Das ist glaube ich der Punkt. Danke für diese Diskussion.

Im übrigen meine ich, dass es nur selten wirklich Anlass zu bedingungslosen Forderungen Kindern gegenüber gibt ("Halt! Da ist Strom drauf!" ist sicher berechtigt, "Sei lieb zu deiner Schwester" wahrscheinlich sogar kontraproduktiv).

Grüße,
Jürgen







Tommy Jordans Tochter hatte sich auf Facebook darüber beklagt, wie sehr sie unter ihren Eltern leidet. Offensichtlich gab es ein paar Dinge im Haushalt, die sie tun musste und die nicht verhandelbar waren: Fegen, Arbeitsflächen abwischen, Geschirrspüler ein- und ausräumen, eigene Klamotten waschen, ihr Bett machen etc. Nachdem Tommy Jordan zufällig entdeckte, was seine Tochter da alles geschrieben hatte, entschied er sich für eine öffentliche Video-Antwort auf Youtube. Er filmte sich beim Vorlesen des Beitrages seiner Tochter und seinen Antworten darauf. Das Video wurde inzwischen 15 Millionen mal aufgerufen. Sehr selbst warum.



Wie geht es euch, wenn ihr das seht?



Hier meine Video-Antwort:





Wenn ich höre, wie der gute Vater gegenüber seiner Tochter argumentiert und dann höre was seine Tochter über ihre Situation und der Familie geschrieben hat, ist es klar woher die Tochter die Idee für ihr Facebook-Posting her hat - Sie hat es von ihren Eltern!

Echt krass, auf welchen Holzweg sich diese Familie bewegt - leider geprägt durch die mangelnde Kommunikations- und "Erziehungs-"Kompetenz der Eltern bzw. insbesondere der des Vaters.

Der einzige Weg, den der Vater findet ist der Weg über Gewalt.

Man kann nur hoffen, dass das ganze ein Fake ist.



Molyneux hat sich jetzt auch zum Thema gemeldet. Es ist noch nicht ganz gewaltfrei, aber sehr nah dran.







Die Spirale dreht sich weiter:
http://8minutesoffame.com/response-to-dr-phil/


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>Perfekte Rundenanalysen von Jörg Sobetzki