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Thema: Qualität kommt von Qual


Vom 6. bis 7. Oktober hat das Kuratorium für Journalistenausbildung Wolf Schneider zu einem zweitägigen Seminar nach Wien eingeladen. Ich habe alle 20 Bücher von Schneider gelesen, wollte ihn schon immer mal kennen lernen und der Termin passte genau an die TCC in München.
Schneider war Nachrichtenchef der Süddeutschen, Verlagsleiter beim Stern, Chefredakteur der Welt, Leiter der Hamburger Journalistenschule, Moderator bei der NDR-Talkshow und ist Autor unzähliger Stilfibeln.



Inzwischen ist er jedoch schon 78 Jahre alt und ich machte mir Gedanken, ob er vielleicht etwas verkalkt und langsam sein könnte. Weit gefehlt: Schneider denkt blitzschnell und hat eine Allgemeinbildung, die schon fast pathologisch ist (morbus brockhaus completus). Nun hat jeder schon mal Leute kennen gelernt, die einen IQ von knapp unter 200 haben und viel wissen. Bei Schneider paart sich das aber mit einer Sprachgewalt, die mit nichts vergleichbar ist, was ich erlebt habe. Meist neigen Universitätsprofessoren, Wissenschaftler, Ärzte oder andere Gebildete dazu, ihr Wissen damit aufzublähen, dass sie lange verschachtelte Sätze verwenden und unzählige Fremdworte. Das beeindruckt viele; wer Schneider gelesen hat, durchschaut jedoch sofort die tatsächliche Armut. Wolf Schneider redet genau so, wie er das Schreiben predigt: ohne Ballast, Schnörkel, Redundanz — und mit kraftvollen Metaphern.

Schneider zu dem sprachlichen Ejakulat einiger Teilnehmer:
»Das ist doch Dummheit gegen sich selber. Sie sind doch hoffentlich eitel und wollen gelesen werden […] Mit so einem Mist hauen Sie Ihren Lesern in die Fresse — ein bisschen Nachdenken möcht’ doch sein […] So schreibt einer nicht, der was zu sagen hat […] Der Vorwurf, dass ich Ihren Satz aus dem Zusammenhang gerissen habe, trifft mich nicht, weil es im Original auch keinen Zusammenhang gab. […] So etwas können Sie vielleicht in einem schludrig redigierten Beamtenblatt schreiben, für mich ist das eine gymnasiale Missbildung Ihres Verstandes […] Was soll denn dieser Anhang? Nur weil Sie noch Spucke im Mund oder Paste im Kuli haben? (darauf der Teilnehmer: Nein, ich hatte noch Saft in der Batterie des Laptops) […]Das ist bildungsprotzerisches Geschwätz und gehört auf den Mist und dort soll es stinken bis zum Jüngsten Tag […] Es kann doch nicht Ihre Aufgabe sein, die Belastbarkeit des Lesers zu testen. Merken Sie nicht, in welchen Keller Sie da purzeln?«

Wenn es dann gar zu sehr mit ihm durchging, erklärte er immer wieder, dass er eben nur zwei Tage Zeit habe, uns den Mist bewusst zu machen, der sich in unseren Gehirnen gestaut hat über zwei bis drei Jahrzehnte. »Da werden Sie mir im Interesse der Sache doch erlauben, dass ich etwas kratze.«

Ich habe es ihm erlaubt und hatte meinen Spaß. Zur Vorbereitung durften wir ihm mit der Anmeldung Texte einreichen, die er dann mit seinen Kommentaren verteilte und besprach. Das sieht dann etwa so aus:





Warum nichts von mir dabei war, wollte ich natürlich sofort wissen. »Das dürfen Sie als Kompliment auffassen.« Mann, das muss wohl das höchste Lob gewesen sein, das dieser Mensch je über seine Lippen brachte, dachte ich. Aber mein Hochmut hielt sich nicht lange, denn bei den Übungen, die unter Zeitdruck absolviert werden mussten, habe ich völlig versagt. Sein Kommentar: »7 Zeilen in einer Stunde — da muss man dem Autor nahe legen, besser nicht bei einer Zeitung zu arbeiten.«

Natürlich waren die zwei Tage viel zu schnell vorbei. Aber 2005 soll noch ein weiteres Buch zum Thema Sprache kommen: »das ultimative und das letzte.« Bis dahin muss ich also weiterhin täglich in »Deutsch fürs Leben« blättern, das nun jedoch signiert und mit Widmung versehen ist.

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@heuler

Ich habe von Wolf Schneider "Deutsch für Profis" gelesen und schon viel davon profitiert. Ich wünschte, so mancher, der was zu schreiben hat, hätte Wolf Schneider gelesen.

In wieweit erfährt man denn Neues aus dem Buch "Deutsch fürs Leben"?



»Deutsch für Profis« war noch nicht so gut gegliedert; in »Deutsch fürs Leben« hat Schneider alle Weisheiten auf 50 Regeln »eingedampft« (sein Wort). »Deutsch für Kenner« ist noch ausführlicher mit längeren Textproben, die sprachlich gute Texte enthalten. Die Botschaft ist natürlich immer die gleiche: Schreibe verständlich und gefällig.
Vielleicht stelle ich heute mal das Wichtigste in einem Forumsbeitrag zusammen.

PS: Ich glaube Suxi will noch ein wenig gebrauchtes Exemplar loswerden.


Zuletzt bearbeitet: 09.10.03 15:31 von Administrator


Ich wußte gar nicht, das Wolf Schneider Seminare gibt. Hast Du eine Seite im Internet mit Infos darüber?



Ich möchte mal einen Vergleich zu deinem Dilemma aufzeigen.
Ein Golfneuling liest deine Arbeiten über die Schwungebene und strebt einen neutralen Schwung so wunderbar auf der Ebene an. Er hat ein gutes Videosystem und eines Tages gelingt ihm ein perfekter Schwung. Voller Stolz schickt er dir eine Kopie. Doch als er dann, bei einer Trainingsstunde, auf deiner Matte steht, nimmt er wieder flach weg und seine Hände sind viel zu weit vorne. Er hat die Technik zwar verstanden aber eben noch nicht automatisiert. Aber so wie ich dich kenne wirst Du viel Fleiß investieren, damit eines Tages der gute Schreibstiel flüssig aus deiner Feder fließt.

Gruß Ulf



Zuletzt bearbeitet: 09.10.03 17:39 von Pilchau


Wenn man die Kritiken bei Amazon zu »Deutsch fürs Leben« liest, kann man aber auch leicht den Eindruck gewinnen, es handelt sich um einen alten Mann, der Schwierigkeiten hat, sich dem Zeitgeist anzupassen. Wohl dem alten Mann, der Jünger hat.
Sollte der Passus über die "Ferkel" wirklich so in dem Buch abgedruckt sein, seine Vorstellungen wären mit peinlich noch sehr charmant umschrieben.




Ich gebe dir Recht, Patrick. Wolf Schneider ist manchmal ein ganz übler Autor. In seinem Buch über die Entstehung des Menschen beginnt er mit diesen zwei Sätzen:

»Wie sich ein schmächtiger listiger Affe zum Herrn der Erde aufschwang; wie er die anderen Erdenbewohner erst überwand, dann unterwarf und dann anfing, sie auszurotten; wie er Wüsten bewässerte, Wälder niederbrannte, Symphonien komponierte, Wolkenkratzer baute, Ozeane vergiftete und sich eine Welt einrichtete, in der man Schoßhündchen am Bruch operieren und in Waldmischelbach frische Nelken aus Kolumbien kaufen kann: Das war ein Triumphzug ohnegleichen, das ist die Tragödie des Planeten, das ist ein Krimi wie es keinen zweiten gibt.
Und all dies, obwohl noch heute die inzwischen fünf Milliarden Exemplare dieses herrlichen, schrecklichen Säugetiers kaum Spuren hinterlassen würden, wenn man sie allesamt im Bodensee ersäufte: Sein Wasserspiegel würde sich um ganze fünfunddreißig Zentimeter heben, in wenigen Jahrzehnten wären alle Felder und Wiesen wieder mit Wald bedeckt und Milliarden Tiere würden aufatmen in der köstlichen Luft, und in wenigen Jahrhunderten wären die letzten Zeugnisse eines herrlichen Regiments verrottet.«

Wir Neandertaler. Hamburg 1988

In Schneiders Sätzen fehlt natürlich alles, was Texte von Akademikern auszeichnet. Sie sind zu leicht verständlich, zu anschaulich und viel zu konkret. Hätte Schneider Germanistik oder Soziologie studiert, ein Praktikum bei der golf.de absolviert oder kennte er wenigstens den Zeitgeist, läse sich sein Text sicher besser. Ich habe ihn mal umgeschrieben:

»Wie sich ein untergewichtiger, mit allen Wassern gewaschener Anthropoide über seinen eigenen Schatten sprang und in der Solidargemeinschaft eine autoritäre Position einnahm; wie er der Bevölkerung tierischen Ursprungs, die auf unseres blauen Planeten ihr Dasein fristet, zunächst Niederlagen beibrachte, dieselbe anschließend einer Unterwerfungen zuführte und dann anfing, sie allesamt zur Strecke zu bringen; wie er vegetationslose oder sehr vegetationsarme, mitunter auch lebensfeindliche Gebiete in tropischen und subtropischen Regionen Bewässerung zuteil werden lies, wie er Waldgebiete in Brandbereiche umwandelte; musikalische Kompositionen erzeugte, mehrstöckige Bürogebäude errichtete, die großen zusammenhängenden Wassermassen der Erdoberfläche mit Schadstoffen belastete und seine Umwelt so gestaltete, dass darin Frakturen sogar bei Vierbeinern operativ behandelt werden konnten und Schnittblumen aus südamerikanischen Entwicklungsländern auch in bundesdeutschen Kleinstädten käuflich zu erwerben waren: Das war eine Erfolgsgeschichte, die so noch nie da gewesen war. Das ist ein Schauspiel — für das das Tragische ein konstituierendes Element ist — des Sterns, auf dem wir leben, das ist ein Kriminalstück, das in dieser Form so noch nicht aufgetreten ist.
Und all dies, obwohl noch am heutigen Tage die in der Zwischenzeit auf fünf Milliarden Exemplare angewachsenen Exemplare dieses herrlichen, aber doch zugleich schrecklichen Säugetiers kaum Spuren hinterlassen würden, wenn man sie allesamt in einem großen Alpenvorlandsee am Ausgang des Alpenrheintales dem Tode durch Ertrinken zuführen würde:
Der Wasserspiegel eines solches Sees würde sich ca. um fünfunddreißig Zentimeter heben, in wenigen Jahrzehnten wären alle intensiv genutzten Agrarflächen und auch die landwirtschaftlich ungenutzten Flächen wieder mit Baumbeständen bedeckt, und Milliarden Tiere würden wieder Luft mit höherem Sauerstoffanteil inhalieren können. Und in einem Zeitraum von wahrscheinlich nur einigen hundert Jahren wären die verbliebenen Artefakte einer herrlichen Administration in Fäulnis übergegangen.«

In solchen Zeilen finden sich alle Leser wieder: Der Akademiker erkennt hübsche Oberbegriffe, der gemeine Bürger schätzt die bekannten Redewendungen, der Beamte liebt die Nominalkonstruktionen seines Kanzleistils und der Avantgardist spürt den Zeitgeist. Aber mit 78 Jahren ist man wohl nicht mehr lernfähig.


Zuletzt bearbeitet: 10.10.03 09:45 von Administrator


Lehrfähig immer, lernfähig nimmer



Entschuldige Patrick, ich hatte das Ironiezeichen vergessen. Vielleicht ist dir daher meine eigentliche Aussage entgangen? Auch eine der Botschaften von Schneider: Ironie wird viel häufiger benutzt als verstanden und ist daher mit Vorsicht einzusetzen.



Ironie wird viel häufiger benutzt als verstanden und ist daher mit Vorsicht einzusetzen.

Traurig, aber wahr. Ein weiteres Zeichen für die zunehmende Verblödung der Menschheit - sind wir schon auf dem Weg zurück in die Höhlen ?

Eine Frage zu Wolf Schneider: Was hält er von Thomas Mann ? Ist da etwas bekannt ?

Gruß

Jigger



Ja, das mit dem "Ironiezeichen vergessen" kenne ich nur zu gut, auch das mit dem "Ironie wird viel häufiger benutzt als verstanden und ist daher mit Vorsicht einzusetzen". Leider lässt letztere Aussage nicht zweifelsfrei darauf schließen, dass es nicht immer der Empfänger der Ironie ist, der sie nicht versteht. (drei "nicht" in einem Satz, geht das?)
Aufgrund der allgemeinen Probleme mit der Ironie beschränke ich mich auf Zynismus.



Zuletzt bearbeitet: 13.10.03 21:19 von Patrick


@ Jigger

Eine Frage zu Wolf Schneider: Was hält er von Thomas Mann ? Ist da etwas bekannt ?


Schneider ist kein Literaturkritiker, aber natürlich wird Thomas Mann oft zitiert um zu veranschaulichen, wie gut man etwas ausdrücken kann.

Godehard



Godehard,

ich meinte natürlich den Schreibstil von Mann. Aber drückt Thomas Mann sich wirklich im Schneiderschen Sinne gut aus ?

Hätte man die Buddenbrooks oder den Zauberberg nicht auch auf weniger Seiten "ausdrücken" können ?

Ja, der böse Jigger macht auch vor Literaturnobelpreisträgern nicht halt. Der Literaturnobelpreis muß nicht zwangsläufig ein Qualitätsmerkmal sein.

Der diesjährige Preisträger Coetzee hat mich mit seinem Werk "Schande" genau so gelangweilt, wie Camus es mit "Die Pest" getan hat.

Gruß

Jigger



Aus der unerschöpflichen Zitatensammlung des Oscar Wilde: "Zynismus: ein Ding zu betrachten, wie es wirklich ist, nicht wie es sein sollte."
Passt auch ganz hervorragend: "Wer nicht auf seine Weise denkt, denkt überhaupt nicht."

Gruß,
Patrick


Zuletzt bearbeitet: 10.10.03 11:24 von Patrick


Jigger,

Ja, der böse Jigger macht auch vor Literaturnobelpreisträgern nicht halt.
Echt mutig. ;-)

Der Literaturnobelpreis muß nicht zwangsläufig ein Qualitätsmerkmal sein.

Sehe ich genauso. Schließlich hat Updike auch noch keinen bekommen.

Es ist schon etwas länger her, das ich W. Schneider gelesen habe. Aber erstens war Thomas Mann kein Journalist und zweitens glaube ich nicht, das Schneiders Wolfgang das so simpel meint: Je kürzer desto besser.

Aber das wissen andere hier bestimmt genauer als ich.

Godehard



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