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Thema: Ich jammere, also bin ich.


Ein Mönch schloss sich einem Orden an, in dem absolutes Schweigen gefordert war. Doch stand es dem Abt frei, einem Mönch die Erlaubnis zum Sprechen zu erteilen. Es dauerte 5 Jahre bis der Abt den Novizen ansprach: »Du darfst jetzt 2 Worte sprechen.«
Der Mönch wählte seine Worte sorgsam und sagte: »Hartes Bett.«
Mit Mitgefühl sagte der Abt: »Es tut mir leid, dass dein Bett unbequem ist. Wir werden dir ein anderes besorgen.«

Im 10. Jahr seines Klosteraufenthaltes trat der Abt wieder an den Mönch heran: »Du darfst jetzt noch 2 Worte sagen.«
»Kaltes Essen«, sprach der Mönch.
»Nun, wir werden sehen, was wir tun können«, sprach der Abt.
Am 15. Jahrestag seines Klostereintritts sagte der Abt erneut zu dem Mönch:» Du kannst jetzt 2 Worte sprechen.«
»Ich gehe«, sagte der Mönch.
»Das wird wahrscheinlich auch das Beste für dich sein«, erwiderte der Abt. »Seit du hier eingetreten bist, hast du ja nur herumgenörgelt.«

Vor 3 Jahren schlug Will Bowen, ein Pfarrer aus Kansas City, seiner Gemeinde vor, lila Armbänder zu tragen, um das Jammern aus ihrem Leben zu tilgen. Wann immer jemand sich beim Jammern ertappte, sollte er das Armband auf sein anderes Handgelenk wechseln. Ziel war es, 21 Tage nicht zu jammern. Wer das schaffte, sollte ein Diplom bekommen.

Nun bin ich ziemlich kritisch, was positives Denken angeht: Murphy, Peale, Carnegie usw. haben mich nie überzeugt. Hier findet sich eine ausführliche Erklärung zu den Bedenken. Bowens Idee ist anders: Es geht nicht um positives Denken, sondern um den Verzicht aufs Jammern, Meckern, Nörgeln, Quengeln, Beschweren, Stöhnen, Schimpfen, Fluchen, Seufzen, Ächzen, sich selbst und andere bemitleiden, Lästern, Beschweren, ironisches oder zynisches Kommentieren, Schadenfreude, Spott, Schwarzmalen, Tratschen und dergleichen.

Fast jeder erschrickt, wenn er sich bewusst macht, wie oft er täglich jammert. Bowen nennt einen Mittelwert von 15-30 Mal. Damit komme ich nicht einmal über den Vormittag. Und das ist nicht gejammert, sondern eine objektive Beobachtung. Nach Bowen dauert es meist 4-8 Monate, bis man die 21 Tage knackt. Ich komme gerade von einem Trainingslager auf Golfplätzen in Florida. Nein, nicht vom Golf-Trainingslager — es war ein reines Jammerbefreiungstraining. Das Golf diente nur zum Überprüfen unserer Standfestigkeit. Mein Rekord: 15 Löcher ohne Jammern. Ob ich es schaffe, in 8 Monaten jammerfrei zu werden, weiß ich nicht. Aber ich werde natürlich darüber berichten.

Das Wechseln des Armbandes ist schon gut, aber heutzutage gibt es fortgeschrittenere Techniken als Gummibänder. Bis heute war mir nie klar, wozu man Twitter braucht; für den Jammer-Entzug scheint es jedoch wie geschaffen: Wenn man sich zusätzlich verpflichtet, jedes Jammern öffentlich zu machen, ist das sicher noch heilsamer: http://twitter.com/oliverheuler

Nach diesem Einführungsbericht auf NBC, empfehle ich, Will Bowen zuzuhören. Nicht nur inhaltlich, auch rhetorisch ist der Mann ein Genuss. Wer will, bestellt sein Buch mit Armband.























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Hallo Oliver,
wie laufen die Fortschritte auf dem Weg zur Jammerfreiheit?
Hast du 21 Tage durchgehalten?

Ich kann deine Skepsis gegenüber dem positiven Denken alá Murphy, Peale, Carnegie nachvollziehen. Das "Jammerarmband" scheint tatsächlich in eine ähnliche Richtung zu gehen, aber nur auf den ersten Blick?!
Vielleicht ist es eher so, dass das Armband helfen kann die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen und kennen zu lernen. Man lernt zu merken, wann sie nicht erfüllt sind. Dabei findet man vielleicht/hoffentlich auch Wege die Bedürfnisse zu befriedigen.

Schöne Feiertage
Gunnar



Nach einem ganz guten Start, habe ich irgendwann die Konzentration darauf verloren. Ich halte es aber immer noch für ein lohnenswertes Projekt. Ich habe in diesem Jahr viele GfK-Seminare besucht und kann dort zumindest auf ein paar erfreuliche Fortschritte verweisen. Nebenbei hat mich das Schießen auch sehr beschäftigt, und jetzt bin ich gerade wieder im Poker-Flow. Aber die Zeit für Jammerfreiheit kommt wieder, da bin ich sicher.

Schöne Weihnachten
Oliver

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